Ich habe eine ganze Weile überlegt, welches Buch oder Hörbuch es denn wert wäre, mich zu meiner ersten Rezension zu inspirieren. Letztendlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass es am meisten Sinn ergibt, einfach das zu nehmen, das man eh gerade hört. Und das war: Chroniken der Seelenfänger von Alexey Pehov.
Zu dem Buch gekommen bin ich über meinen Freund, der ebenfalls ein Vielhörer ist – sogar ein noch größerer als ich, weil er für die Arbeit viel herumfahren muss und dabei natürlich unterhalten werden will. Als wir dann neulich zusammen über Weihnachten in die Heimat fahren wollten und es daran ging, ein Reise-Hörbuch auszusuchen, hat er dieses empfohlen.

Alexey Pehov kannte ich davor noch nicht, obwohl er natürlich durch die Chroniken von Siala sowie die Chroniken von Hara schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. (Btw: Jede neue Fantasy-Reihe „Chroniken der Sonstwas“ zu nennen, hat für mich inzwischen auch seinen Reiz verloren. Kann man das nicht mal variieren?) Nachdem ich nun aber die Seelenfänger-Tetralogie gehört habe, werde ich mir die anderen, denke ich, auch noch anhören. Gibt es Vorschläge, was man zuerst hören sollte? Aber eins nach dem anderen – hier folgen nun also meine fünf Cent zu Chroniken der Seelenfänger.

Worum geht’s?
Chroniken der Seelenfänger spielt in einer an das mittelalterliche Europa erinnernden Welt, in der Himmel und Hölle, Engel und Dämonen, vor allem aber Geister tatsächlich existieren und in der die Kirche – ich wage es kaum zu sagen – ansatzweise cool ist (?!). Erzählt wird die Geschichte von Ludwig, einem … ja, richtig geraten: Seelenfänger.
Seelenfänger sind Menschen, die mit der Gabe geboren sind, die ruhelosen Seelen der Verstorbenen zu sehen. Die Bruderschaft der Seelenfänger hat es sich zur Aufgabe gemacht, die dunklen Seelen zu vernichten, denn diese können und wollen im Gegensatz zu den harmlosen lichten Seelen den Lebenden schaden. Wichtigstes Mittel im Kampf gegen die dunklen Seelen ist ihr Schwarzer Dolch, der auch namensgebend für den ersten Band ist. Jede Seele, die mit diesem Dolch vernichtet wird, verlängert das Leben der Seelenfänger um etwa einen halben Tag. Zusätzlich sorgen die Seelen dafür, dass die Seelenfänger vor Krankheiten gefeit sind. Diesen Umständen verdanken die Seelenfänger ein erstaunlich langes Leben, gleichzeitig sorgen sie aber auch dafür, dass sie von allen Seiten misstrauisch beobachtet werden.
Unser Protagonist, Ludwig, ist ein nicht mehr ganz junger Seelenfänger, der sich eine lichte ruhelose Seele, einen ehemaligen Dorfpfaffen mit Spitznamen Apostel, als Sidekick genommen hat und nun mit ihm durch die Lande zieht. Dazu gesellt sich noch der Animatus (Animati sind belebte bzw. beseelte Gegenstände) Scheuch, eine stumme Vogelscheuche, die mit einer Sichel unterwegs ist und eine Vorliebe für menschliches Blut, Tod und Qualen hat. Damit ist Scheuch nicht gerade ein natürlicher dritter Kumpan – Ludwig nimmt ihn jedoch gerade darum mit, denn so kann er ein Auge auf ihn haben. Auch Ludwigs Geliebte, die Seelenfängerin und Zauberin Gertrude, spielt eine große Rolle und ist öfters mit von der Partie.
Im Laufe der Handlung müssen die drei (manchmal vier) dann allerlei Abenteuer bestehen, sich mit dunklen Seelen, belebten Gebeinen, Vertilgerinnen, bösartigen Markgrafen, Okkulas, Drachen, Dämonen und einigen Anderswesen herumschlagen. Dazu kommen Bruderschafts-interne Intrigen und der ständige Zwist und Wettstreit mit der Kirche. Erst nach und nach wird klar, was hierbei überhaupt die Haupthandlung ist: Nachdem eine zweite, weitaus dunklere Art von Dolch auftaucht und immer mehr Seelenfänger verschwinden oder getötet werden, müssen die Seelenfänger den Schmied der Dolche aufspüren, um ihre Bruderschaft (und nebenbei die ganze Welt) zu retten.

Wie war’s?
Das auffälligste Merkmal der Bücher (oder in diesem Fall: Hörbücher) ist, dass ihnen, besonders am Anfang, der Buch-Charakter fehlt. Pehov erzählt seine Geschichte in sprunghaften Episoden, denen insbesondere im ersten Band noch fast jeder Zusammenhang fehlt. Der Hörer/ Leser wird dadurch zum interessierten Beobachter der durchaus spannenden Einzelgeschichten, die von Ludwigs Arbeit und Abenteuern berichten, sieht aber kein Ziel, auf das die Geschichte hinarbeitet. Wäre am Ende des ersten Bandes keine so spannende Episode inklusive Cliffhanger gewesen, hätte ich nicht weitergehört, so aber musste ich das und habe es auch nicht bereut. Denn, wie bereits erwähnt, wird es nach und nach deutlicher, um was es eigentlich geht: Jemand, wahrscheinlich der Schmied, verbreitet dunkle Dolche und muss aufgehalten werden.
Darüber hinaus merkt man mit dem Voranschreiten der Story auch, dass die scheinbar zusammenhanglosen Geschichten des ersten Bandes schon irgendwie ihre Berechtigung hatten, denn die in ihnen vorgestellten Personen tauchen später wieder auf und die Geschichten stellen sich im Nachhinein tatsächlich alle als Teil von etwas Größerem heraus. Der Autor hat sich also einfach sehr viel Zeit gelassen, um die Figuren vorzustellen und die Vorgeschichte zu erzählen – etwas, das in anderen Büchern oft zu kurz kommt. Trotzdem ist dieses Vorgehen dramaturgisch gesehen auf jeden Fall ungewöhnlich bis fragwürdig, denn wenn der Hörer nicht weiß, worauf alles hinausläuft, hört er eben eventuell nicht weiter. Obwohl das also mal etwas Neues und durchaus interessant war, hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte entweder später eingesetzt hätte oder das Ziel der Geschichte schon früher offenbart worden wäre. Auch wenn es ganz am Ende gewesen wäre – im ersten Band sollte diese Info eigentlich schon stecken.
Mit diesem „nach-und-nach-Enthüllen“ hängt übrigens noch ein weiteres Problem zusammen, wegen dem ich hier kurz eine kleine Vorwarnung aussprechen will: Jede auftauchende Figur taucht mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit nochmal auf oder wird zumindest erwähnt – auch wenn man wegen ihrer scheinbar kleinen Rolle nicht damit rechnet. Ob man dann noch genau weiß, wer das jetzt eigentlich nochmal war, hängt an einem selbst. Man muss also wirklich genau aufpassen und sich die Namen merken. Für Menschen mit schlechtem Namensgedächtnis, wie ich es bin, ist das keine leichte Übung. Hat das Print-Buch dafür eigentlich ein Glossar? Wenn das beim Hörbuch als PDF angehängt wäre, wäre das sehr praktisch gewesen …

Aber apropos Figuren: Ein Buch steht und fällt natürlich mit seinen Hauptcharakteren und für ein Buch mit dem eben beschriebenen, besonderen Aufbau gilt das erst recht. Das Schöne und wirklich mal erfrischend Neue an Ludwig ist auf jeden Fall, dass er in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich zu beherrschen. Das klingt erstmal nicht nach viel, aber im Fantasy-Genre sind das unglaublich seltene Eigenschaften. Andauernd begegnen einem wirklich dämliche Charaktere, die verdammt nochmal nicht nachdenken, bevor sie irgendetwas tun, sondern sich impulsiv in irgendwelche Kämpfe stürzen, provozieren lassen, von ihren Gefühlen übermannt Dinge sagen, die sie besser nicht gesagt hätten usw. Ludwig ist nicht so, sondern hält sich z.B. von Kämpfen fern, in denen er keine Chance hätte und wägt in jeder Situation erstmal nüchtern ab. Er ist trotzdem mutig, nur eben auf etwas vernünftigere Art und Weise. Und zumindest für mich ist er damit die deutlich bessere Identifikationsfigur als viele andere. Damit er nicht allzu langweilig wird, hat ihn der Autor dann trotz aller Vernunft doch noch zu einem kleinen Rebellen werden lassen, da Ludwig stellenweise seine Moral über die Anweisungen und Befehle anderer stellt. Außerdem hat er ihm den lustig-nervigen Sidekick Apostel zur Seite gestellt. Die Lieblingsbeschäftigungen der ruhelosen Seele sind Ludwig mit halbrichtigen Bibelzitaten zutexten und beleidigt sein. Für mich sind solche Figuren aber eigentlich immer nur nervig. Interessanter ist da schon die Figur des Scheuch. Der dunkle und mächtige Animatus ordnet sich trotz seiner Macht und seinen Fähigkeiten Ludwigs Wünschen unter und da er stumm ist, erfährt man nichts über seine Beweggründe oder seinen Hintergrund. Das macht unweigerlich neugierig. Und so viel sei schon mal verraten: Die Neugier wird im vierten Band dann auch befriedigt.
Zuletzt ist Gertrude für mich ein etwas ambivalenter Charakter: Einerseits ist sie wirklich eine „coole“ und interessante Figur: Seelenfängerin und Zauberin, in einer mächtigen Position in der Bruderschaft, schön und stark. So rettet sie, als wir sie zum ersten Mal treffen, auch direkt Ludwig das Leben. Gleichzeitig hält sie aber nicht was sie verspricht. Zwar treibt sie immer wieder die Story voran, trägt aber letztendlich dennoch nicht viel dazu bei. Hier und da kämpft sie mal mit und gibt Ludwig einen neuen Auftrag, am Ende ist sie aber eben nur irgendwie dabei gewesen. Klassischerweise (ACHTUNG, SPOILER!) wäre sie deshalb die ideale Figur, um den „Serientod“ zu sterben. Aber sie und Ludwig bekommen tatsächlich ein Happy End. Damit bleibt am Ende nur die Frage: Was hat dieser Charakter jetzt eigentlich für das Buch gebracht? Antwort: wenig.
Der Effekt, sowohl von der Erwartungen nicht erfüllenden Gertrude als auch vom ungewöhnlichen Aufbau, ist dann allerdings doch wieder irgendwie positiv. Denn beides bewirkt, dass die Geschichte nicht konstruiert, sondern echt wirkt. Wäre diese Geschichte in der beschriebenen Welt passiert, wäre sie wahrscheinlich genau so passiert, ohne sich groß um einen gewohnten Aufbau und irgendwelche Erwartungen zu kümmern.
Ein weiterer Punkt, der ebenfalls zur Authentizität beiträgt, ist für mich übrigens die Sprache. Die Übersetzerin hat es hervorragend geschafft, Pehovs Mittelalter ins Deutsche zu übertragen. Herausgekommen ist eine etwas hochgestochene und trotzdem leicht verständliche Sprache, die mit einer Unmenge von alten Begriffen geradezu genüsslich um sich wirft.

Zuletzt muss man noch zwei Sachen über die Geschichte sagen: Zum einen ist sie ziemlich düster – im Sinne von brutal bis hin zu fast schon eklig. Die zahlreichen Leichen sind da noch das geringste Übel. Schlimmer sind die Beschreibungen von Seuchenkranken und die bloße Existenz von Wesen wie der Okkula, von gnadenlosen Inquisitoren, die selbst vor unschuldigen Nonnen nicht Halt machen, und von Kannibalen. Man sollte also schon ein wenig abgehärtet sein, wenn man sich diese Geschichte anhören oder sie lesen will.
Zum anderen geht es wie gesagt um kirchliche Themen. Gott, Engel, Dämonen, Himmel und Hölle gibt es in dieser Welt wirklich und die Macht der Kirche fußt darum auf etwas Echtem. Die Menschen glauben also nicht, weil sie glauben wollen, sondern weil es tatsächlich Beweise gibt. Ludwig macht etwa einen kurzen Abstecher in die Hölle und kämpft von Zeit zu Zeit gegen echte Dämonen. Dazu kommt, dass die Reliquien der Heiligen tatsächliche Heilkräfte haben und die Kämpfer der Kirche mit der sogenannten Kirchenmagie kämpfen können. Einzelne Mitstreiter auf Seiten der Kirche werden als freundliche, mutige oder für das Richtige kämpfende Menschen dargestellt, andere als machtgierige und gnadenlose Monster. Dies fügt sich gut in dieses Buch ein, in dem es wenig Schwarz und Weiß, dafür aber umso mehr Grautöne gibt. Wer mit diesem Gedankenspiel, dass die Kirche sozusagen berechtigt existiert, nichts anfangen kann, für den wird dieses Buch aber eher nichts sein. Gleichzeitig dürfte es für wirklich Gläubige wohl deutlich zu ketzerisch sein („Wie bitte – die Kirche nutzt Magie?!“).

Und damit kommen wir zur letzten Frage: Was taugt das Ganze als Hörbuch? Wie schon gesagt, ist es wegen der vielen Figuren etwas unübersichtlich. Ansonsten ist aber der episodenhafte Aufbau fürs Hören durchaus nicht verkehrt, da man so z.B. eine Episode vor dem Schlafengehen oder während einer Bahnfahrt hören kann. Beim Sprecher, Oliver Siebeck, war ich zuerst sehr skeptisch, da er derjenige war, wegen dem ich mir die Witcher-Bücher in Print und nicht als Hörbuch gekauft habe. Bei den Audible-Bewertungen war er in den Kommentaren nämlich ziemlich schlecht weggekommen. Ich fand ihn allerdings für diese Geschichte sehr passend. Die Stimmen konnte man sehr gut unterscheiden und Lautstärke, Geschwindigkeit etc. waren stimmig. Etwas seltsam, wenn auch nicht wirklich störend, war lediglich seine Angewohnheit, viele Sätze mit der immer gleichen, leiser werdenden Betonung zu beenden und ihnen damit eine z.T. inhaltlich völlig unpassende Dramatik zu verleihen.

Fazit: Ganz nett
Die Chroniken der Seelenfänger ist unterhaltsame Fantasy für Hörer und Leser, die kein Problem mit Blut und Gewalt haben und sich auf das Gedankenexperiment einer Welt einlassen wollen, in der die Kirche bewiesenermaßen „im Recht“ ist. Die Geschichte ist ungewöhnlich in Episoden erzählt. Die Hauptfigur hebt sich durch ihre erwachsene Besonnenheit und Vernunft von anderen Fantasy-Protagonisten positiv ab. Mir persönlich hat noch etwas gefehlt, das mich extrem mit den Figuren hätte mitfiebern (/mitweinen /mitlachen) lassen. Zum absoluten Favoriten reicht es darum nicht, für eine Weiterempfehlung für Menschen, die kurzweilige Unterhaltung wollen, aber schon. Zum Hören ist die Geschichte auf jeden Fall geeignet; gegenüber dem Buch gewinnt sie dadurch aber denke ich nicht allzu viel.

Serie 
Die Serie ist mit vier Titeln abgeschlossen und bietet als Hörbuch insgesamt über 70 Stunden Unterhaltung.

Erschienene Titel:
1. Schwarzer Dolch
2. Dunkler Orden
3. Goldenes Feuer
4. Glühendes Tor

~ Kira

Autor: Alexey Pehov
Reihe: Chroniken der Seelenfänger
Hörbuch-Verlag: Audible Studios (exklusiv), 2017
Buch-Verlag: Piper (ISBN 978-3-492-97355-7), 2016
Übersetzt aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann
Originalverlag: AL’FA KNIGA Moskau, 2010