Welche Geschichten mögen wir hier bei den Fabelfüchsen wohl am liebsten? Genau, natürlich Fabeln über Füchse! Auf genau solch eine Geschichte stieß ich zufällig letzten Herbst, in meiner Lieblingsjahresszeit für Kindheitserinnerungen und Märchen. Der Wunderling hat mich direkt durch das hübsche, liebevoll altmodisch gezeichnete Cover aufmerksam werden lassen – und so habe ich mir direkt angeschaut bzw. angehört, was dahinter steckt.

Worum geht’s?
Der Wunderling, auch Nummer 13 oder später Arthur genannt, ist ein kleiner Fuchs-Erdling (Erdlinge sind Mischwesen: halb Mensch, halb Tier). Er wächst als Waise unter der Aufsicht der grausamen Miss Carbunkle in einem „Heim für widerspenstige und missratene Geschöpfe“ auf. Der schüchterne, stotternde und einohrige Arthur hat keine Erinnerung an seine Vergangenheit oder seine Familie, dafür aber eine besondere Fähigkeit: Er kann Geräusche hören, die kein anderer wahrnimmt. Schließlich kann er Trixie, ein Vogelwesen ohne Flügel, als Freundin gewinnen und gemeinsam gelingt ihnen die Flucht aus dem Waisenhaus. Auf der Suche nach seinen Wurzeln kommt Arthur einem Komplott auf die Spur, der den Untergang aller Musik und damit aller Hoffnung bedeuten würde. Arthur muss über sich hinauswachsen, um seine Freunde zu schützen.

Wie war’s?
Der Wunderling ist insgesamt eine schöne, märchenhafte, aber auch traurige Geschichte, die in ihren groben Zügen und auch in bestimmten Details stark an eine Tierversion von Oliver Twist erinnert: Waisenhaus – Verbrecherbande – Verbrechen verhindern – Happy End mit Adoption. Besonders die Szene, in der die Bande um Quintus dem naiven Arthur das Stehlen beibringt und er alles nur für ein Spiel hält, erzeugt starke Déjà-vus. Schlimm finde ich es nicht, dass sich hier an einer großen Vorlage bedient wurde, denn Mira Bartók weicht auch wieder weit genug von der Vorlage ab, um die Geschichte zu etwas ganz Neuem zu machen. Bei ihr geht es letztendlich darum, zu lernen, mutig zu sein und für das Richtige einzustehen. Der stotternde und von extremer Schüchternheit geplagte Arthur, der nach und nach seine Ängste überwinden kann und so Freunde findet und zum Retter und Held der anderen Waisen wird, ist sicherlich eine gute Identifikationsfigur für Kinder mit ähnlichen Problemen. Für Erwachsene kommt zwar genau dieses Thema etwas platt und kitschig daher („…vergesst niemals, nach den Sternen zu greifen.“ „Sei mutig und vergiss nicht, du darfst niemals die Hoffnung aufgeben.“) und insgesamt fehlt es auch bei den Charakteren an Tiefe. Trotzdem kann man es auch im Erwachsenenalter noch als nette, unschuldige Abenteuer- und irgendwie auch Coming-of-Age-Geschichte hören – dabei fallen einem aber unweigerlich einige unpassende und nicht ganz stimmige Details auf. Besonders das anfängliche auf-die-Tränendrüse-drücken kam mir sehr übertrieben vor: der arme kleine Fuchs, der ohne Eltern, Freunde, Liebe und Freude in einem Heim aufwächst, in dem alles Schöne und Freundliche verboten ist. Keine Feiern, kein Singen – Arthur weiß nicht einmal, was ein Keks ist! Und trotzdem ist er so edelmütig – ohne dass ihm das allerdings jemals vorgelebt worden wäre.
Gleichzeitig fällt auf, dass es Faktoren gibt, die zu grausam, düster und zu sozialkritisch sind, als dass die Geschichte nur für Kinder gedacht sein könnte. So etwa die Rassentrennung und Diskriminierung von sowie Progrome an den Erdlingen und ihren Unterstützern. Ebenso die Tatsache, dass sich am Ende an der Situation der Erdlinge nichts ändert: Sie bleiben nach wie vor Bürger zweiter Klasse und für viele von ihnen, die in einer Art Unterstadt ausgebeutet werden, bleibt alles beim Alten. Außerdem (SPOILER) erfährt Arthur, dass seine Familie damals tatsächlich in einem Progrom-Feuer umgekommen ist und er ganz allein ist.
Etwas befremdlich ist übrigens auch das Bild, das im Wunderling von Gut und Böse gezeichnet wird, denn es scheint so, als wären die Erdlinge, je nachdem, welches Tier in ihnen steckt, auf ein bestimmtes Verhalten festgelegt. Die beschriebenen Bulldoggen, Ratten, Habichte und Dachse sind z.B. böse oder zumindest fies, während Kaninchen, Igel und Vögelchen die Guten sind. Dass hier allein gutes oder hässliches Aussehen, Gene oder die „Rassenzugehörigkeit“ festlegen, wie jemand ist, finde ich schlicht nicht gut.
Sehr gut finde ich dagegen die Hintergrundgeschichte von Miss Carbunkle, der Bösen in diesem Buch. Wenn mein Vater mich für etwas, für das ich nichts kann, so extrem ablehnen und die Schwester offen bevorzugen würde, wäre ich auch extrem wütend. (Ich würde aber dafür wahrscheinlich nicht gleich böse Pläne schmieden, der Welt alles Schöne und alle Hoffnung zu nehmen.) Insofern ist ihre Motivation schon nachvollziehbar. Schöner bzw. pädagogisch wertvoller wäre es allerdings gewesen, wenn diese Ungerechtigkeit erkannt und aufgeklärt worden wäre und sie daraufhin ihre Fehler eingesehen hätte und zu einem neuen, besseren Menschen geworden wäre.

Gesprochen wird das Ganze übrigens von Mechthild Großmann, einer Frau mit einer so tiefen, rauen und brummigen Stimme, dass es sich anhört, als würde sie regelmäßig mit Steinen gurgeln. Trotzdem passt sie sehr gut zu der Geschichte, weil das etwas sehr märchentantenhaftiges hat. Zwar passt ihre Stimme eigentlich besser zu dem befehlsgewohnten, schneidigen Ton der Heimleiterin oder anderer böser Figuren, aber überraschenderweise bekommt sie auch die schüchterne, leise Stimme von Arthur oder die piepsigen Stimmen von Trixie und Quiek sehr gut hin.

Ich will zuletzt noch auf eine Sache eingehen, über die man als Erwachsener, der das Hörbuch hört, unweigerlich stolpert: Es kommt in einem Hörbuch für Kinder quasi Sodomie vor und es ist eine Welt, in der Fortpflanzung zwischen Mensch und Tier möglich ist. Wörtlich wird gesagt: „Alle waren ‚Erdlinge‘, das heißt Vater oder Mutter waren ein Mensch und der andere Elternteil ein Tier oder aber beide Eltern waren Tiere […].“ Ich weiß – wie bitte?! Kinder, die das hören, werden da wahrscheinlich (hoffentlich!) keinen Gedanken dran verschwenden und einfach akzeptieren, dass es diese Mischwesen gibt, aber für Erwachsene ist es definitiv mehr als nur etwas seltsam. Als ich dann gesehen habe, dass ich die gekürzte Version erwischt habe, was ich normalerweise immer vermeide, dachte ich mir, vielleicht wurde ja eine wichtige Info weggelassen. Darum habe ich dann in eine Leseprobe geschaut, um zu vergleichen und dort stand: „Alle waren ‚Erdlinge‘, das heißt, sie hatten Anteile von Menschen und Tieren oder auch von verschiedenen Tieren […].“ Über die Eltern wird darin nichts gesagt; es sind wahrscheinlich andere Erdlinge, was bedeuten würde, dass diese im biologischen Sinn eine eigene Klasse oder Stamm darstellen und nicht aus Sodomie hervorgehen. Man sieht also, in der Hörbuchversion wurde nicht einfach gekürzt, sondern auf krasse Weise die Bedeutung verändert! Allein dafür gibt es definitiv für das Hörbuch ein fettes Minus.
Bei dem Vergleich fiel mir außerdem auf, dass doch einiges weggekürzt worden war und das Buch mit einer Menge schöner, von der Autorin selbstgezeichneter Bilder sowie mit einer Landkarte aufwartet. Insofern bereue ich es nun ein bisschen, das Buch gehört statt gelesen zu haben. Ich hoffe, ich werde es irgendwann nochmal schaffen, das nachzuholen und beide zu vergleichen, um dann berichten zu können, ob das Gesamtbild im Buch stimmiger ist.

Fazit
Der Wunderling ist ein Hörbuch, das man gut seinen Kindern vorspielen kann, dabei aber hoffen muss, dass sie nicht zu viel darüber nachdenken und dann unangenehme Fragen stellen („Mami, kommt da echt ein Erdling raus, wenn ein Mensch einen Fuchs lieb hat? Und wie funktioniert das dann genau?“). Als Erwachsener wird es sehr wahrscheinlich an vielen Stellen als zu platt und zu sehr auf die Tränendrüse drückend empfunden werden. Bei mir hinterließ es außerdem den Eindruck, noch nicht ganz ausgegoren zu sein, denn es vereint viele Ideen, die schlussendlich einfach nicht gut ineinandergreifen. Deutlich besser hätte die Geschichte sein können, wenn sie sich selbst darin einig gewesen wäre, was und für wen sie eigentlich sein will.
Insgesamt kann man es gut hören, denn es ist trotz allem ein nettes Märchen-Abenteuer – nur zu viel darüber nachdenken sollte man nicht. Mechthild Großmann war als Sprecherin mit ihrer rauen Stimme anfangs gewöhnungsbedürftig, macht ihre Sache aber toll und passt dann doch irgendwie unerwartet gut zu dieser Geschichte.

~ Kira

Autorin: Mira Bartók
Titel: Der Wunderling
Sprecherin: Mechthild Grossmann
Dauer: 6:27 h (gekürzte Fassung)
Hörbuch-Verlag: Silberfisch by HörbuchHamburg, 2017 (ISBN: 978-3-867-42343-4)
Buch-Verlag: Aladin-Verlag, 2017 (ISBN: 978-3-848-92085-3)
Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Schulte
Origialtitel: The Wonderling. Songcatcher
Originalverlag: Candlewick Press, 2017