Die Fantasyreihe Grischa oder auch Grishaverse ist inzwischen einer der großen Buchblogger-Lieblinge, kaum einer hat davon nicht gehört, davon gelesen oder es selbst gelesen. Weil es deshalb auch schon unglaublich viele Rezensionen und Buchbesprechungen zu dieser Reihe im Internet gibt, möchte ich hier nur kurz auf den Inhalt des Buchs eingehen und in einem zweiten Teil lieber einen anderen Aspekt dieser Reihe in den Fokus stellen.

(KLAPPENTEXT) Alina ist einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren. Dass sie heimlich in Maljen verliebt ist, ihren besten Freund seit Kindertagen, darf niemand wissen. Schon gar nicht Maljen selbst, der erfolgreiche Fährtenleser und Frauenschwarm.
Bei einem Überfall rettet Alina Maljen auf unbegreifliche Weise das Leben. Doch was sie da genau getan hat, kann sie selbst nicht sagen. Plötzlich steht sie im Mittelpunkt der Aufmerkstamkeit und wird zum mächtigsten Grischa in die Lehre geschickt. Geheimnisvoll und undurchschaubar, wird er von allen der Dunkle genannt. Aber wieso fühlt sie sich von ihm so unwiderstehlich angezogen? Und warum warnt Maljen sie ausdrücklich vor dem Einfluss des Dunklen?

Auch wenn der Klappentext nicht gerade eine originelle Story verspricht, hat Grischa oder Grisha Leigh Bardugo nicht umsonst zu einer internationalen Bestseller-Autorin gemacht. Goldene Flammen ist ein tolles Young Adult-Fantasy-Buch und ein gelungener erster Band für den Einstieg in das Grisha (Uni)Verse.
Einige Elemente sind typisch für das YA-Fantasy-Genre: die unscheinbare Protagonistin Alina, in der doch so viel Potential schlummert; der gutaussehende beste Freund Maljen, der hoffentlich bald erkennt, wie toll unsere Protagonistin ist; der neue, etwas düstere Typ, der eine ungewollte, aber deutliche Faszination auf die Heldin ausübt; und natürlich das uralte, böse Element, das es zu bekämpfen gilt.
Leigh Bardugo schafft es aber, diesen fast schon YA-Fantasy-Klischees mit nur wenigen Abwandlungen ein originelles Gewand zu verpassen und dem Leser wiederum neues Lesevergnügen zu bereiten.
Ungewöhnlich für amerikanische und Young Adult Fantasy ist das Setting in einem von der russichen Kultur inspiriertem Land. Ich fand es erfrischend, in andere soziale Gefüge, ungewohnte kulturelle Eigenheiten und ein einzigartiges Magie-Konzept eingeführt zu werden und nicht zuletzt auch mit einem völlig anderen Kunststil ein neuartiges Bild vor dem Inneren Auge gezeichnet zu bekommen.

Es gibt lediglich zwei Punkte, die mich wünschen lassen, sie wären anders. Wären diese anders umgesetzt worden, hätten sie das Buch für mich über das YA-Genre hinaus gehoben und zu einem richtigen All Ager gemacht.

Die Sprache ist eine Mischung aus einfacher Alltagssprache und teils blumigen, literarisch-anmutenden Formulierungen. Und an dieser Sprache ist im Grunde auch nichts auszusetzen, nur ist sie meines Empfindens nach eben auch sehr typisch für YA-Fantasy – spiegelt sie doch den Inbetween-State dieses Genres wieder, mit einem Fuß noch in der Kindheit und dem anderen bereits im Erwachsenen-Alter – und verankert das Buch so zu fest in diesem Genre und Lesealter.
Allerdings kamen mir immer mal wieder Stellen doch etwas merkwürdiger als der Rest vor. Unnötig komplizierte Formulierungen, die nicht mehr allein auf den im Fantasy beliebten Genitiv zurückführbar sind. Normale Ausdrücke und Wörter, die sich an dieser Stelle nicht ganz richtig anfühlen und den Satz komisch klingen lassen. Am deutlichsten fiel es bei „sich etwas bewusst werden“ auf. Vielleicht ist die Protagonistin noch verkopfter als andere YA-Heldinnen, so oft werden ihr irgendwelche nicht-geistige Dinge „bewusst“. Oder das ganze Buch hat eine tiefere geistige Ebene, die ich einfach nicht erfasst habe. Oder vielleicht ist einfach die Übersetzung nicht besonders gut und der Übersetzer fühlt sich in bestimmten Formulierungen etwas zu wohl. Aber dafür gibt es eigentlich das Lektorat … Wobei ich aber die Übersetzungen der Eigennamen sehr gelungen finde.

Der Plottwist kam für mich viel zu früh. Zu früh im Buch und viel zu früh in der Reihe. Außerdem war er so vorhersehbar. Die Autorin versucht hier mit den Fantasy-Klischees zu spielen und den Leser mit Namen immer wieder an der Nase herumzuführen. Hätte sie den Twist später eingebaut, hätte dieses Spiel auch wunderbar funktioniert und ich hätte meinen Spaß gehabt, von der Autorin in die Irre geleitet zu werden. Aber so? Ich hatte noch nicht genug Zeit, Vertrauen und tiefere Emotionen zu dieser Figur aufzubauen, um dann vom Plottwist angemessen geschockt gewesen zu sein. Der Protagonistin Alina scheint es ähnlich zu gehen, denn eine Unterhaltung mit jemand anderem überzeugt sie ziemlich schnell und ihre Meinung über jene Figur schlägt innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Allerdings ist die Autorin sich hier auch selbst dessen bewusst und baut es später gegen Ende des Buches wieder ein, um genau das Alina vorzuhalten. Denn Alina hat schließlich nicht nur ein paar Stunden mit der Figur verbracht so wie ich, sondern Monate. Den zu frühen Plottwist kann ich der Autorin aus Sicht des Plots daher verzeihen, aber als Leser trauere ich immer noch ein bisschen dem verschenkten Potential nach, mir das Herz zu brechen.

Ich kann Goldene Flammen der Grischa-Reihe ohne vorbehalt jedem empfehlem, der sich ein bisschen für YA oder Fantasy interessiert. Auch wenn es nicht perfekt ist, ist es sehr nah dran und eine wirklich schöne Lektüre. Ich hatte viel Spaß beim Lesen und wie das dann ist, ist man viel zu schnell durch das Buch durch. Ich werde die Reihe definitiv weiterlesen und bin auch schon gespannt auf die Spin-Off-Bände Das Lied der Krähen und Das Gold der Krähen. Warum es allerdings wohl noch eine Weile dauern wird, bis ich den zweiten Band lesen und weiter in das Grishaverse eintauchen werde, erzähle ich im nächsten Teil.

~ Freddy

Autor: Leigh Bardugo
Titel: GRISCHA – Goldene Flammen
Verlag: Carlsen, 2012
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Übersetzt aus dem Englischen von Henning Ahrens
Origialtitel: Shadow and Bone
Originalverlag: Henry Holt & Company, 2012

ISBN: 978-3-551-58285-0