Milchmädchen ist ein Königskind. Das bedeutet in erster Linie nur, dass das Buch im Königskinder Verlag, einem Imprint von Carlsen, erschienen ist und der Verlag einen sehr eingängigen Hashtag für Social Media hat. Aber es bedeutet auch, dass ich als Leser höhere Erwartungen an dieses Jugendbuch stelle als an andere. Denn der Königskinder Verlag will mit besonderen Geschichten innen wie außen schöne Bücher an seine Leser bringen, soder Internet-Auftritt. So ganz konnte mich aber auch dieses Königskind nicht überzeugen.


(KLAPPENTEXT) Zwölf dicke, muhende Kühe mitten in einem schäbigen walisischen Wohngebiet verstecken? Das bleibt doch niemals unbemerkt! Aber Gemmas Leben ist sowieso total durcheinander – ihr Vater ist im Knast, die Mutter abgekämpft und der kleine Bruder nervt einfach nur. Und wieso sie sich mit der komischen, starken Außenseiterin Kate angefreundet hat, weiß sie eigentlich selbst nicht. Aber Kate braucht Gemmas Hilfe, damit ihre Kühe nicht verkauft werden müssen.
Zwei Mädchen entführen zwölf Kühe – und plötzlich blüht die Nachbarschaft auf!


Sowohl Gemmas als auch Kates Eltern haben finanzielle Sorgen. Gemmas Mutter ist temporär alleinerziehend, solange ihr Mann im Gefängnis ist. Durch diese angespannte Stimmung bleibt die Zeit für ihre Kinder auf der Strecke und alle Familienmitglieder driften emotional auseinander. Der Hof von Kates Eltern ist nicht mehr wirtschaftlich, weshalb Kates geliebte Kühe verkauft und dann wahrscheinlich geschlachtet werden sollen. Und überhaupt ist die Grundstimmung in der Siedlung mies, Kriminalität, Rassimus und Gewalt sind bei den Kindern bereits Alltagsspielereien.
Die zugrundeliegenden Probleme wurzeln also aus denen der Erwachsenen und empfinde ich als erstaunlich realistisch, die Lösung oder vielmehr der Weg zur Lösung dagegen kommt mir trotz Jugendbuch doch zu kindlich optimistisch vor. Denn es sind ausgerechnet Gemma, Kate und die anderen Kinder der Siedlung, die die scheinbar unlösbaren Probleme ihrer Eltern doch ganz einfach wieder geradebiegen.

Auch die Verhaltensweisen der Figuren erscheinen mir teils zu konstruiert. Gemma freundet sich natürlich superschnell mit der Außenseiterin vom Bauernhof an, nachdem sie Kate nur privat getroffen hat und nun endlich versteht, warum Kate ist, wie sie ist. Ihre Angst vor Kühen legt Gemma auch sehr schnell ab und wird nicht nur Mitstreiter für Kates „Haustiere“, sondern innerhalb weniger Tage auch Vegetarierin. OK, gut, manche Leute haben eben diese Schlüsselmomente und dann ändern sich Lebenseinstellungen von einem Tag auf den nächsten. Aber Gemmas eigentlich sehr konservative Mutter akzeptiert ihre neuen Essgewohnheiten nach einem einzigen Kommentar! Schön wär’s … Ich muss bei meinen Eltern auch nach Jahren noch blöde Fragen und Kommentare ertragen, dabei esse ich erst seit dem Auszug von daheim vegetarisch. Hätte ich das gebracht, als ich noch zuhause gewohnt habe … Allein die Vorstellung ist witzig, weil so absurd. Die Ehe-Probleme ihrer Eltern sind ebenfalls nach einem einzigen emotionalen Ausbruch von Gemma fast gelöst, der Vater geläutert und die Mutter voller Vergebung. Auch hier wieder: Schön wär’s, wenn es so einfach wäre. In der Realität helfen nur leider selbst ganz viele Ausbrüche und Breakdowns oft nichts …

(SPOILER!) Nicht nur können Kates Kühe alle gerettet werden, ihr Vater findet trotz seiner lebenslangen Zweifel am Farmer-Dasein wieder neuen Lebenssinn an einem Lern-Bauernhof. Die Kriminalität und der tiefsitzende Rassismus, der von der Großeltern- und Eltern-Generation schon auf die Kinder im Grundschulalter übertragen worden war, sind nur noch vage Erinnerung, so berichten die Fernseh-Nachrichten.
Es ist nicht verkehrt, die Idee zu vermitteln, dass gemeinsame Projekte oder ein gemeinsames Ziel in der Gemeinde positive Auswirkungen auf das Gemeinschaftsleben haben. Nichts anderes ist das vielbeschworene Teambuilding in Unternehmen und oft ist das der Urspung von Volksfesten. Aber zu implizieren, dass ein einziges solches Projekt Rassismus und andere Kriminalität heilen könnte, ist ein bisschen zu viel Naivität.

Milchmädchen hat eine seltsame Mischung aus naivem und erfrischendem Optimismus und hinterlässt einen starken Nachgeschmack von „Wenn die Erwachsenen doch nur mal auf uns Kinder hören würden“. Das aber kommt bei der eigentlichen angezielten Lesergruppe bestimmt ganz gut an. Es bleibt eher die Frage, ob das Maß an politischer Meinungsbildung, was ich eigentlich sehr begrüße, bei diesen Lesern und Leserinnen Anklang findet oder ob hier die Moralkeule doch zu stark ist. Man kennt das ja von den eigenen Schullektüren, wo das allzu offensichtlich war um Spaß zu machen.

Es ist eine nette Geschichte, deren Schreibstil sich gut für das Lesealter von 12 – 14 sowohl für Jungen als auch Mädchen eignet. Als eine außergewöhnlich erzählenswerte Geschichte, was die Königskinder sein wollen, würde ich Milchmädchen dennoch nicht bezeichnen. Das Buch kann ich mir genauso gut in den Programmen anderer Jugendbuch-Verlage vorstellen und ist weder von der Geschichte, noch von der Botschaft ungewöhnlich für den Jugendbuchmarkt.

Das Buch ist allerdings außen wie alle Königskind-Bücher wieder sehr schön. Die Aquarell-Zeichnungen des Klees passen als typisches Tierfutter gut zum ganzen Kuh-Thema des Buches. Ohne Schutzumschlag gefällt es mir sogar noch besser, da ich kein Fan von Porträt-Fotografien auf Covern bin. Spannend finde ich, dass die Königskind-Bücher pro Vorschau, also zweimal jährlich, alle einem einheitlichen Design folgen. Für dieses Programm war es wohl „Gesichtsfotografie mit Blumenzeichnungen“.
Das Buch macht insgesamt mit dem Cover, dem Einband-Design und Lesebändchen einen hochwertigen Eindruck und eignet sich sehr gut als Geschenk.

~ Freddy

Autor: G.R. Gemin
Titel: Milchmädchen
Verlag: Königskinder Verlag, 2014
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Übersetzt aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Origialtitel: Cowgirl
Originalverlag: Nosy Crow, 2014

ISBN: 978-3-551-56026-1