Nachdem ich irgendwann 2017 Agatha Christie für mich entdeckt hatte, habe ich in den darauffolgenden Monaten alles in mich aufgesaugt, was es von ihr gab. Als ich damit fertig war, folgte nichts als gähnende Leere und Langeweile, denn es gibt ja tatsächlich nichts Vergleichbares und andere, „normale“ Krimis, die mit viel Blut schockieren wollen, sprechen mich einfach nicht an. Dann aber stieß ich zufällig auf diese reizende, kleine britische Serie, die dem mir bis dato unbekannten Genre des Cosy-Crime oder Wohlfühl-Krimis entstammt. Natürlich ist sie nicht mal ansatzweise mit den Werken einer Meisterin wie Christie zu vergleichen, bei der von den Charakteren über das Setting und den Plot bis hin zur Stimmung (ich sage nur: Das Böse unter der Sonne) wirklich alles stimmt. Trotzdem bietet diese Serie genau das, was man eben manchmal braucht: nette Unterhaltung.

Worum geht’s?
Nathalie Ames staunt nicht schlecht, als sie von ihrer verstorbenen Tante statt deren Krimi-Sammlung den Pub/Café/Gasthaus-Mix „Black Feather“ erbt. Kurzentschlossen zieht die Statistikerin aus Liverpool aufs Land, in das beschauliche Dörfchen Earlsraven, um das Erbe anzutreten. Was sie noch nicht weiß: Sie erbt ebenfalls das geheime Hobby ihrer Tante – denn die hat mit ihrer Köchin Louise, ihres Zeichens Ex-Agentin, Kriminalfälle gelöst. Und so wird in Nathalies Café statt Tee und Kaffee des öfteren ein Mordfall aufgetischt und natürlich auch gelöst (daher wohl auch dieser wirklich dämliche Titel, über den ich hier mal gnädig hinwegsehen will).

Wie war’s?
Zunächst einmal für die, die es nicht kennen: Wie kann ein Krimi überhaupt zum Wohlfühlen sein? Die Antwort lautet: indem er gar kein Krimi ist – zumindest größtenteils. Wohlfühl-Krimis konzentrieren sich auf ihre Figuren und deren Alltag, ihre Beziehungen und ihre Entwicklung – der Mord oder das Verbrechen ist dabei fast schon Nebensache und findet in diesem Fall öfters in einem eher komischen Kontext statt (z.B. Mord beim Treffen der Käsekuchenbäcker oder eine Leiche im Schneemann). Auch ein eher gemächliches Erzähltempo und ein bestimmtes Lokalkolorit gehören fast immer dazu. Insofern sind diese Geschichten perfekt für Omis wie mich, die gerne beim Rätsellösen mitfiebern, aber keine Lust mehr auf Action und Gore haben (oder auf Jugendserien wie Die drei ???).
Darum jedenfalls schien diese Serie anfangs perfekt! Ein überraschendes Erbe mit seltsamen Bedingungen, ein Gasthaus auf dem englischen Lande, eine junge Frau, die weiß, was sie will, sowie eine Köchin mit geheimnisvoll gefährlicher Vergangenheit – es klang vielleicht nicht sehr glaubwürdig, aber trotzdem nach guter Unterhaltung und darum wirklich vielversprechend. Dazu kam dann noch die Stimme der mir bis dahin unbekannten Vera Teltz, die ich einfach nur großartig finde, weil ihre Stimme quasi alles vereint und alles kann. Für eine Frauenstimme ist sie recht tief, was ich sehr angenehm finde, gleichzeitig klingt sie aber auch jung, frisch und sexy. Besonders gut bringt sie Humor und Sarkasmus rüber – sie schafft es sogar, nur mit dem Mittel ihrer Stimme ein Augenzwinkern zu erzeugen. Das muss sie allerdings auch können, weil es in dieser Serie von Schmunzlern, Zwinkerern und Neckereien nur so wimmelt. Trotzdem: Hut ab! Vor allem aber schafft sie es, dass man sogar unsympathische Figuren mögen will (dazu später mehr).
Besonders schön fand ich auch gleich zu Beginn die an James Bond erinnernde Titelmelodie, die anderen vielleicht schon aus der dem gleichen Genre entstammenden Serie Cherringham bekannt ist. (In die Serie habe ich übrigens auch mal reingehört, nachdem mir das hier so gut gefiel und fand sie grauenvoll – keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, eine Soccer-Mom zur Protagonistin zur machen.) Schön sind auch die Kapitelüberschriften nach dem Schema „Erstes Kapitel, in dem Nathalie überraschend einen Brief erhält, der ihr Leben auf den Kopf stellt“. Das hat, finde ich, etwas sehr liebevolles und herrlich altmodisches. Und auch allgemein sind die Bücher nicht schlecht geschrieben. Die Dialoge und Charaktere sind in sich stimmig, obwohl z.B. einige Dorfbewohner etwas verschroben oder wie im Fall vom falschen Poirot in Band 4 deutlich überzeichnet sind. Aber es gibt immer wieder schöne Beobachtungen, wie z.B. „Der Schrank war genauso aus der Mode wie fast alles in ihrer Wohnung, aber trotzdem liebte Nathalie jedes einzelne Möbelstück, weil es eine Geschichte erzählte, die nicht aus der Zeile ‚Ich kam in einem schwedischen Möbelhaus zur Welt und stehe zusammengeschraubt hier rum‘ bestand.“  
Bis hierhin wurden die Erwartungen also erfüllt bis übertroffen, (weil ich auch eigentlich gar keine hatte). Leider hält die Serie dann aber nicht ganz, was sie verspricht – und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: Erster Grund dafür ist – leider – ausgerechnet die Protagonistin. Nathalie wird als sympathische, selbstbestimmte und erfolgreiche junge Frau eingeführt. Dass sie dann ihrem Freund gegenüber teilweise einfach nur zickig ist, will man ihr darum eigentlich nur zu gern verzeihen. Er ist ja auch so ein Idiot und Frau Teltz lässt sie so nett und locker klingen … Hört man dann aber weiter oder nochmal von vorne, fällt einem auf, dass Nathalie manchmal echt einfach nicht besonders nett, dafür aber passiv-aggressiv ist und weder rational noch angemessen handelt und dazu noch eine Doppelmoral hat – was sie also ihrem Freund vorwirft, muss sie sich nicht auch noch selber vorwerfen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass Frauen immer lieb und nett sein müssen – tatsächlich müssen sie ja oft deutlich aufbrausender werden, um überhaupt ernst genommen zu werden. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, ein Arschloch zu sein. Und eben das ist Nathalie von Zeit zu Zeit.
In einem Interview mit Vera Teltz fand ich übrigens diese Aussage:

„Ich hatte in der Vergangenheit schon öfter Krimis, in denen ich Charaktere einfach nur [als] nervig und zickig empfand. […] Es ist für mich auf jeden Fall eine größere Herausforderung[,] Charaktere zu sprechen, die mir persönlich unsympathisch sind. Hier stehe ich immer vor der Aufgabe[,] Facetten zu finden, die ich an demjenigen mag oder versuche mir vorzustellen, wie die Hörer es gut finden könnten.“

Vera Teltz im Interview mit Masha Sedgwick

Ich kann mir gut vorstellen, dass sie mit dieser Aussage auch – wenn nicht vor allem – Nathalie meinte, denn manchmal kann man, finde ich, schon raushören, dass Frau Teltz sich denkt: „Muss das jetzt sein, Nathalie?“
Wer sich mit dieser oft eher unsympathischen Hauptfigur abfinden kann, kriegt aber noch einen weiteren Stolperstein vor die Füße geworfen, und zwar den Plot oder genauer: die Kriminalhandlung. Was einem hier präsentiert wird, lässt einem teilweise die Haare zu Berge stehen. Von einer solchen Serie erwartet man ja nicht einmal viel, aber was man bekommt, ist ein Fest aus Vorhersehbarkeit, Zufällen und Glückstreffern. Vor allem aber gäbe es auch oft gar keinen Fall, wenn der Polizist des Dorfes, Constable Struttner, einfach die normale Polizeiarbeit erledigen würde, sich also z.B. die Aufzeichnung der Überwachungskamera ansehen oder einen auf den ersten Blick eindeutigen Fall mal kurz kritisch hinterfragen würde. Nathalie und Louise müssen also einspringen und ihnen wird mehr als einmal die Lösung quasi vor die Füße geworfen. Sie sind also nicht gerade Detektive erster Klasse, sondern machen nur das, was eigentlich normal sein sollte und helfen dann am Ende dabei, dem Täter eine Falle zu stellen. Wenn dann die Lösung hinten und vorne keinen Sinn ergibt, ist das für die Serie aber schon irgendwie peinlich – genau das tut sie nämlich in Band 2, wo z.B. das Opfer gerade an einem Buch geschrieben hat, in dem es genau die Affäre beschreibt, die es eigentlich um jeden Preis verheimlichen wollte. (Solche Fehler sind aber vielleicht auch dem Tempo geschuldet, in dem diese Bücher erscheinen.) Etwas seltsam ist auch, dass Nathalie Sachen bemerkt, die der hierzu deutlich besser ausgebildeten und erfahreneren Louise nicht auffallen. Dazu kommt noch, dass die schiere Menge an Morden und Verbrechen für so ein Dörfchen ziemlich unrealistisch ist.
Und trotz dieser nicht allzu leicht wiegenden Mankos habe ich den nächsten Titel der Serie bereits vorbestellt. Warum? Weil Nathalie auch gute Seiten hat, weil man eine Protagonistin ja nicht immer auch als Freundin haben wollen muss und weil es wichtigeres gibt als einen schlüssigen Kriminalplot. Die Serie bedeutet kurzweilige Unterhaltung und bringt mich schon teilweise zum Lachen oder Schmunzeln (witzigste Stelle bisher: eine Unterhaltung voller nett verpackter Beleidigungen zwischen Struttner und Peroux über England, Frankreich und Belgien in Band 4). Und ich will wissen, wie es weitergeht: Wird Louise irgendwann über ihre Vergangenheit auspacken? Wird Nathalie damit aufhören, Idioten zu daten? Es bleibt spannend bei Tee? Kaffee? Mord!

Fazit
Tee? Kaffee? Mord! ist eine Wohlfühl-Krimi-Hörbuchserie, die man für Plot und Charaktere totkritisieren könnte, wenn man das denn wollte. Nur will ich nicht, weil ich mich sehr gut unterhalten fühle. Vera Teltz spricht diese Serie großartig und verleiht der Seichte Tiefe und den Charakteren Humor, der so vielleicht gar nicht vorhanden wäre. Insofern empfehle ich in diesem Fall definitiv das Hören und rate vom Buch eher ab.

Serie
In der Serie sind bisher sieben Titel erschienen, die als Hörbuch jeweils 4 bis 4 1/2 Stunden Unterhaltung bieten. Bisher kam pünktlich jeden Monat ein neues Hörbuch heraus und auf Audible sind die Titel sehr günstig zu haben (1,82 € oder 1/2 Guthaben); auf Spotify sind sie sogar gratis anzuhören.

Bisher erschienen:
1. Der doppelte Monet
2. Die letzten Worte des Ian O’Shelley
3. Die blauen Pudel des Sir Theodore
4. Der Besuch des lächelnden Belgiers
5. Der Club der Giftmischer
6. Tod eines Schneemanns
7. Arsen und Käsekuchen

~ Kira

Autorin: Ellen Barksdale
Reihe: Tee? Kaffee? Mord!
Hörbuch-Verlag: Lübbe Audio, 2018
eBook-Verlag: beTHRILLED by Bastei Lübbe (ISBN 978-3-7325-4765-4 ), 2017
Übersetzt aus dem Englischen von Ralph Sander