Vorwort: Am 26. Mai ist Europawahl! Du weißt noch nicht, wen du wählst? Kein Problem, bei der Entscheidungsfindung hilft der WAHL-O-MAT der Bundeszentrale für politische Bildung.


Die Alternative für Deutschland, AfD, zog seit 2014 allmählich in alle Landesparlamente ein, zuerst im Osten Deutschlands, aber nach und nach mit jeder Landtagswahl auch im Westen, zuletzt 2018 in Hessen. In allen 16 Bundesländern und auch bei der Bundestagswahl 2017 wurde die 5%-Hürde mit einer Leichtigkeit weit überschritten, die uns allen ein deutliches Warnsignal sein sollte. Eine neue rechtspopulistische Partei gelangt zu neuer Macht. Seitdem ist die AfD in den Medien in aller Munde: Schockierende Bilder, Neonazis, Gewalt und Hass – und das auch noch direkt vor der eigenen Haustür – ergeben eine geile Story. Dazu tragen die journalistischen Medien einen großen Teil bei, indem sie u.a. überproportional über die AfD berichten, aber auch gerne – in Berufung auf das Neutralitätsgebot – weniger ausgelutschte Stories über die eigentlich doch gar nicht so unvernünftigen Sorgen und Ängste der AfD und ihrer Wähler schreiben. Auch die von vielen als für ach so intellektuell gehaltene Buchbranche ist nicht frei von dieser Schuld und hat sich erst vor einem Monat wieder etwas geleistet, was nicht hätte sein dürfen.

Am 04. April 2019, im 14. Heft des buchreports, einem DER großen, bundesweiten Branchenmagazine, wurde ein Buchtipp von Alice Weidel abgedruckt, der Co-Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion. Es ist keine Titelstory, keine kritische Auseinandersetzung mit den Themen der AfD, es ist einfach nur ein Buchtipp. Still und heimlich, etwa eine viertel Seite voll, an einer Stelle, an der normalerweise sonst auch Buchempfehlungen von anderen Personen des öffentlichen Lebens stehen. Damit reiht sie sich etwa neben Schauspielerin Adele Neuhauser und Justizminister Heiko Maas ein. Als wäre Alice Weidel auch nur eine ganz normale Person, deren (literarische) Meinung ebenso wertvoll und unproblematisch sei, wie die anderer. Das ist sie aber eben nicht. Das Problem dabei ist die Wirkung, die das erzielt: Denn dass Frau Weidel hier eine Plattform geboten wurde, vermittelt den Eindruck, dass die Meinung von Extremisten und Hasspredigern allgemein normal, okay und eben auch gesellschaftsfähig wäre. Und dieser Gedanke vor dem Hintergrund dieser Person ist absoluter und gefährlicher Blödsinn.

der Artikel

Einige sind jetzt vielleicht der Meinung, dass das eben zu unserem demokratischen Gesellschaftssystem dazu gehört, dass die Demokratie sowas aushalten muss. Allerdings überlege ich, wie sinnvoll es ist, Leute, die absurderweise versuchen, ihre durch diese Demokratie festgelegten Rechte dazu zu nutzen, dieses System zu zerstören, immer und immer wieder aufs Neue zu Wort kommen zu lassen und ihnen einen so großen Platz in der öffentlichen Debatte zuzugestehen.

Dass der Buchtipp von Alice Weidel keine schriftliche Scheiße aus einem rechten Verlag, sondern ein (halbwegs) seriöses Sachbuch eines anerkannten Wirtschaftsexperten aus dem normalen Sachbuchlabel eines regulären Publikumsverlags ist, macht die Sache in meinen Augen noch schlimmer und geradezu beispielhaft für die Normalisierung rechten Gedankenguts: „Hier, schaut her: Die AfD liest auch normale Bücher, wie du und ich. Sie ist auch nur eine ganz normale Person, wie du und ich … “ Dabei ist Alice Weidel eigentlich wie alle AfD-Spitzen für rechtsextremistische und rassistische bzw. fremden- und islamfeindliche Äußerungen und für nichts anderes bekannt, wie z.B. vor einem Jahr, als sie in einer hasserfüllten Rede im Rahmen einer Generaldebatte vor dem Bundestag gegen „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ hetzte.

Nachdem der Buchtipp online einige kritische und – wütend ist für Buchbranchenmenschen vielleicht zu viel gesagt – vom Magazin enttäuschte Kommentare erhielt, reagierte die Redaktion mit einem kurzen, leider doch recht inhaltslosen Statement. (Die buchreport-Seite mit Buchtipp und Statement des buchreports ist leider inzwischen offline und auch nicht über die Wayback-Machine aufrufbar, lediglich auf Facebook ist das Statement noch zu lesen. Siehe Abb. unten)

Screenshot von Facebook [06.05.2019]

Wie auch Kira mir gegenüber schon richtig feststellte: Dass Weidel überhaupt von der Redaktion angefragt wurde, ist bereits das Schlimme. Sie wurde in einer redaktionellen Routine wie eben auch andere Personen, die „auffallen“, angefragt. Die Normalisierung rechten Gedankenguts im öffentlichen Diskurs ist bereits so weit fortgeschritten, dass weitere Normalisierungsschritte, wie das Abdrucken angeblich unverfänglicher Meinungen, in Betracht gezogen werden. Der Satz „Der Verkaufserfolg war das zugegebenermaßen etwas oberflächliche Kriterium für die Anfrage.“ setzt dem ganzen nur die Krone auf. Rechte Personen zu Wort kommen zu lassen bringt Geld und das allein rechtfertige einen Abdruck? Genau das läuft falsch in unserer Medienlandschaft! Sich im Nachhinein rausreden zu wollen, mit dem letzten Satz „Wenn dies nun dazu führt, eine Diskussion über Aufgabe, Anspruch und Toleranz der Buchbranche auszulösen, ist es das vielleicht sogar wert.“ ist feige und stellt die Anfrage und den Abdruck dieses Textes in ein falsches humanistisches Licht.

Nachdem Alice Weidel einmal von der Redaktion angefragt wurde und sie einen Buchtipp lieferte, konnte die Redaktion natürlich kaum noch Schadensbegrenzungen unternehmen und die Formulierung der Redaktion des buchreports, sie hätten nichts Verwerfliches daran finden können, ist deshalb so offensichtlich leer. Was hätten sie denn noch machen können, wenn doch etwas Verwerfliches dabei steht? Hätten sie es nicht gedruckt, hätte Weidel wohl das altbekannte AfD-Lied aufgelegt, sie seien das Opfer in der Situation, sie würden mundtot gemacht, Mimimi-Meinungsfreiheit. Hätten sie eine redaktionelle Änderung daran vorgenommen, wäre es dasselbe Spiel gewesen und sie hätten den eigentlichen Inhalt abgeschwächt, abgemildert und dadurch eben auch normalisiert. Egal, wie man es dreht und wendet, die Redaktion hat sich schön selbst in diese Scheiße geritten.
Und das passiert nun mal, wenn man AfDler als normal behandelt.


Nochmal der Aufruf zum Schluss: GEHT WÄHLEN! Am 26. Mai ist Europawahl; zeigt den Rechten mit eurer Wählerstimme, dass sie in unserer Gesellschaft nicht erwünscht sind.
Die Wahlbeteiligung an der Europawahl hat leider immer weiter abgenommen; bei der letzten Wahl 2014 waren es nicht einmal 50% der Wahlberechtigten, die wählen gegangen sind. Also: Leute, wenn ihr dürft, geht wählen! Ihr formt damit zu einem kleinen Teil unser aller Zukunft mit, deshalb zählt jede Stimme.
Ihr wisst noch nicht, wen ihr wählen sollt? Kein Problem, bei der Entscheidungsfindung hilft der WAHL-O-MAT der Bundeszentrale für politische Bildung.

One Reply to “Die AfD und die Buchbranche – Weidels Buchtipp im buchreport”

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