George Floyd ist ein Name, den ich wünschte, nicht zu kennen, denn das hieße, dass er nicht aus rassistischen Gründen von einem weißen Polizisten getötet worden wäre und die Welt nicht deswegen hätte aufschreien müssen. Leider ist es passiert und es ist traurig, dass viele – darunter auch ich – anscheinend so einen Weckruf brauchten, um vom normalen gegen-Nazis-Sein zur tatsächlichen Auseinandersetzung mit und zu kommen. Trotzdem gilt auch hier: besser spät als nie! Ich habe in den letzten Tagen hauptsächlich zugehört, mich informiert und eingelesen, einige wenige Infos geteilt – vor allem aber gesammelt. Welche Bücher, Essays, Autoren empfehlen Leute, die sich bereits mehr als ich mit dem Thema auseinandergesetzt haben? Wem hören sie zu – wen empfehlen sie? Die Liste von Büchern, Essays, Autoren, Podcasts, die dabei zustande gekommen ist, möchte ich gerne mit allen teilen, die ebenfalls lernen wollen.

Brauche ich das?

Viele fragen sich jetzt vielleicht, ob das bei ihnen überhaupt nötig ist.
„Ich bin doch schon gegen Nazis.“
„Ich versteh überhaupt nicht, wie manche heute noch rassistisch sein können.“
„In Deutschland ist es doch eh nicht so schlimm.“
Dann fragt euch einfach mal folgendes (ich habe es auch getan):
Was assoziiert ihr mit einer guten Gegend/Schule und einer schlechten?
Habt ihr schon mal eure Handtasche/Hosentasche gecheckt, nachdem People of Colour (PoC) an euch vorbeigegangen sind?
Habt ihr schon mal die Straßenseite gewechselt, weil euch Personen mit einer dunkleren Hautfarbe entgegengekommen sind?
Habt ihr schon mal eine Schwarze Person automatisch auf Englisch angesprochen?
Hast du schon mal eine Schwarze Person gefragt, wo sie eigentlich herkommt?
Seid ihr schon mal still geblieben nachdem jemand einen „harmlosen“ Witz über Nicht-Weiße gemacht hat?
Wärt ihr gerne Schwarz in Deutschland?
Und wie weiß ist eigentlich euer Bücherregal?
Solche Fragen muss sich jeder selber stellen und daraufhin entscheiden, wie viel er tun will. Letztendlich geht es darum, dass wir alle rassistisch sozialisiert worden sind, dass man dies aber auch wieder entlernen kann. Sich aktiv mit den Erlebnissen und Meinungen Schwarzer Personen und denen anderer PoC’s in Deutschland auseinanderzusetzen ist ein erster Schritt dazu. Mehr zu diesem Thema zu lesen, kann auf gar keinen Fall schaden!

 

Literatur zu Rassismus in Deutschland

 

Autor*in Buch
Tupoka Ogette
Antirassismus- und Diversity-Trainerin
(@tupoka.o)
Exit Racism – Rassismuskritisch denken lernen (gibt’s z.B. hier sowie kostenlos bei Spotify)
Klappentext: Obwohl Rassismus in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft wirkt, ist es nicht leicht, über ihn zu sprechen. Keiner möchte rassistisch sein, und viele Menschen scheuen sich vor dem Begriff. Das Buch begleitet die Leser*innen bei ihrer mitunter ersten Auseinandersetzung mit Rassismus und tut dies ohne erhobenen Zeigefinger. Vielmehr werden die Leser*innen auf eine rassismuskritische Reise mitgenommen, in deren Verlauf sie nicht nur konkretes Wissen über die Geschichte des Rassismus und dessen Wirkungsweisen erhalten, sondern auch Unterstützung in der emotionalen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Übungen und Lesetipps eröffnen an vielen Stellen die Möglichkeit, sich eingehender mit einem bestimmten Themenbereich zu befassen. Über QR-Codes gelangt man zu weiterführenden Artikeln, Videos und Bildern. Ergänzend dazu finden sich in fast jedem Kapitel Auszüge aus sogenannten Rassismus-Logbüchern – anonymisierte Tagebücher, die ehemalige Student*innen von Tupoka Ogette in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit Rassismus geführt haben und in denen sie über ihre Emotionen und Gedankenprozesse berichten. Auch Handlungsoptionen kommen nicht zu kurz. Ziel des Buches ist es, gemeinsam mit den Leser*innen eine rassismuskritische Perspektive zu erarbeiten, die diese im Alltag wirklich leben können.
Fatma Aydemir
Journalistin und Schriftstellerin
(@fatma_m0rgana)
& Hengameh Yaghoobifarah Journalist*in
(@habibitus)
Eure Heimat ist unser Albtraum (gibt’s z.B. hier)
Wie fühlt es sich an, tagtäglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus?  Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat – einem völkisch verklärten Konzept, gegen dessen Normalisierung sich 14 deutschsprachige Autor_innen wehren. Zum einjährigen Bestehen des sogenannten „Heimatministeriums“ sammeln Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft. In persönlichen Essays geben sie Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als „anders“ markiert, kaum schützt oder wertschätzt. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan Şahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir.  
Alice Hasters
Journalistin & Autorin
(@alice_haruko)
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten (gibt’s z.B. hier sowie kostenlos bei Spotify)
Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?
„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.
Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.
Noah Sow
Autorin, Musikerin, Labelbetreiberin, Aktivistin, Medienkritikerin, Produzentin & Künstlerin
(@noahsow)
Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus (gibt’s z.B. hier)
Eine Streitschrift, die eingefahrene Denkmuster aufbrechen will
Wir sind mit den vielfältigsten Rassismen aufgewachsen: Wir spielten im Kindergarten „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, sangen „Zehn kleine Negerlein“ und finden es normal, dass uns im Schuhgeschäft ein schwarzer Diener aus Porzellan begrüßt. Wenn wir gefragt werden, sind wir natürlich gegen Rassismus. Rassismus zu bekämpfen heißt jedoch, ihn zunächst zu verstehen. Dazu müssen wir lieb gewonnene Vorstellungen und „Gewissheiten“ hinterfragen. Vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrung mit Antirassismus-Arbeit legt Noah Sow den Finger in die Wunde des unbewussten Rassismus und sorgt für jede Menge erkenntnisfördernder Stolpersteine. Das Buch ist ein Angebot für mehr Fairness und Normalität.
Natasha A. Kelly
Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin
(@natasha.a.kelly)
  • Afroism: Zur Situation einer ethnischen Minderheit in Deutschland (gibt’s z.B. hier)
  • Schwarzer Feminismus: Grundlagentexte (gibt’s z.B. hier)

May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz (Hg.) Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte (gibt’s z.B. hier)
Margarete Stokowski
freie Autorin & Kolumnistin
(@marga_owski)
Die letzten Tage des Patriarchats (gibt’s z.B. hier)
Seit 2011 schreibt die Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski Essays, Kolumnen und Debattenbeiträge. Die besten und wichtigsten Texte versammelt dieses Buch, leicht überarbeitet und kommentiert. Die Autorin analysiert den Umgang mit Macht, Sex und Körpern, die #metoo-Debatte und Rechtspopulismus, sie schreibt über Feminismus, Frauenkörper und wie sie kommentiert werden, über Pornos, Gender Studies, sogenannte Political Correctness, Unisextoiletten und die Frage, warum sich Feminismus und Rassismus ausschließen.
Stokowskis Texte machen Mut, helfen, wütend zu bleiben, Haltung zu zeigen und doch den Humor nicht zu verlieren und sie zeigen, dass es noch einiges zu tun gibt auf dem Weg zu einer gleichberechtigen Gesellschaft. Wer fragt, ob wir den Feminismus noch brauchen oder ob die Revolution bereits geschafft ist, dem liefert Margarete Stokowski eindeutige Antworten.

 

Literatur aus dem restlichen Europa

 

Autorin Buch
Reni Eddo-Lodge
britische Kolumnistin und Schriftstellerin
(@renieddolodge)
Why I’m No Longer Talking to White People About Race / Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche (gibt’s z.B hier)
Viel zu lange wurde Rassismus als reines Problem rechter Extremisten definiert. Doch die subtileren, nicht weniger gefährlichen Vorurteile finden sich dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnen würde – im Herzen der achtbaren Gesellschaft.
Was bedeutet es, in einer Welt, in der Weißsein als die selbstverständliche Norm gilt, nicht weiß zu sein? Reni Eddo-Lodge spürt den historischen Wurzeln der Vorurteile nach, und zeigt unmissverständlich, dass die Ungleichbehandlung Weißer und Nicht-Weißer unseren Systemen seit Generationen eingeschrieben ist. Ob in Politik oder Popkultur – nicht nur in der europaweiten Angst vor Immigration, sondern auch in aufwogenden Protestwellen gegen eine schwarze Hermine oder einen dunkelhäutigen Stormtrooper wird klar: Diskriminierende Tendenzen werden nicht nur von offenen Rassisten, sondern auch von vermeintlich toleranten Menschen praktiziert. Um die Ungerechtigkeiten des strukturellen Rassismus herauszustellen und zu bekämpfen, müssen darum People of Color und Weiße gleichermaßen aktiv werden.
Layla F. Saad
britische Autorin & Rednerin
(@laylafsaad)
Me and White Supremacy
Thousands of people from around the world were galvanized by the #meandwhitesupremacy challenge, examining and owning responsibility for the ways in which they uphold white supremacy.
Me and White Supremacy: A 28-Day Challenge to Combat Racism, Change the World, and Become a Good Ancestor leads readers through a journey of understanding their white privilege and participation in white supremacy, so that they can stop (often unconsciously) inflicting damage on black, indigenous and people of color, and in turn, help other white people do better, too. The book goes beyond the original workbook by adding more historical and cultural contexts, sharing moving stories and anecdotes, and includes expanded definitions, examples, and further resources.
Grada Kilomba portugiesische Autorin, Psychologin, Theoretikerin und interdisziplinäre Künstlerin
(@grada.kilomba)
Plantation Memories: Episodes of Everyday Racism
„Plantation Memories“ is a compilation of episodes of everyday racism written in the form of short psychoanalytical stories. From the question „Where do you come from?“ to Hair Politics to the N-Word, the book is a strong, eloquent, and elaborate piece, which deconstructs the normality of everyday racism and exposes the violence of being placed as the Other. Released at the Berlin International Literature Festival (2008), soon the book became internationally acclaimed and part of numerous academic curricula.

 

Literatur aus den USA

 

Autor*in Buch / Essay
Chimamanda Ngozi Adichie
(@chimamanda_adichie)
We should all be feminists (Essay)
Robin DiAngelo
robindiangelo.com
White Fragility
Ijeoma Oluo
(@ijeomaoluo)
So You Want to Talk About Race
Ibram X. Kendi
(@ibramxk)
How to be an Anti-Racist
Kelsey Blackwell
(@kelsey722)
Why People of Colour Need Spaces Without White People (Essay)


Podcasts
:


Hilfreiche Links
:


Welchen Personen kann ich folgen?
(Instagram)
Für Deutschland wären die typischen Kandidaten:

Wichtig ist es, daran zu denken, dass man Schwarze Personen (online und im persönlichen Umfeld) nicht als persönliche Lehrer missbraucht. Als Betroffene von und oftmals Kämpfer gegen Rassismus haben viele verständlicherweise nicht mehr so viel Lust, es nochmal jedem einzeln zu erklären – und die Ressourcen sind ja da. Darum gilt: Falls ihr ein Konzept oder eine Bezeichnung nicht versteht, googelt erstmal. Bevor ihr euch mit irgendwelchen Leuten über irgendwelche Dinge streitet, über die ihr nur Halbwissen habt, googelt erstmal!

Diese Liste ist selbstverständlich nicht ansatzweise vollständig, aber ein erster Versuch. Danke an alle, von denen ich Lesetipps bekommen habe! Für jede weitere Ergänzung und Empfehlung wären wir sehr dankbar. Auch falls wir ungewollt irgendwo politisch nicht so korrekt waren, bitte weist uns darauf hin. Schreibt uns gerne auf Instagram (@fabula.ferox) oder per E-Mail an fabula.ferox@web.de. Der Fokus soll weiterhin hauptsächlich auf Schwarzen Deutschen (Frauen) liegen, weil diese mit am meisten von Rassismus betroffen sind, aber auch andere Perspektiven, also von Männern, anderen PoC und Weißen, sind willkommen, solange es etwas zum Diskurs beiträgt.
Außerdem soll ein weiterer Beitrag folgen, der sich nicht mit Sachbüchern, sondern mit Schwarzen Romanen und evtl. Jugend- und Kinderbüchern beschäftigt. Denn um eine der obigen Fragen zu beantworten: Soweit ich weiß ist mein Bücherregal zu 100 % weiß … Schön, dass man Dinge ändern kann! (Auch hierfür nehmen wir gerne Empfehlungen an.)